Frauenhaus, NS-Treffpunkt, Jugendheim und Familienoase – die bewegte Geschichte der Villa Kube

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Ein Neubau ist toll!

Aber eine bewegte Vergangenheit inklusive Kriegen, Revolutionen und menschlichen Schicksalen muss er sich wohl noch hart erarbeiten. Umso schöner ist es, wenn wir gelegentlich das Vergnügen mit einem – oft vernachlässigten – Schätzchen haben, und in die Geschichte des Hauses eintauchen können.

So geschehen bei der sog. Villa Kube. Der angestrebte Verkauf hat uns viele Jahre begleitet und ebenso viele Hürden und mit sich gebracht.
Anlässlich unseres 25-jährigen Firmenjubiläums im September 2018 überreichte uns Herr Oberlack, seines Zeichens Bürgermeister von Glienicke/Nordbahn, einen Kalender mit Impressionen des Ortes. Die Freude unsererseits war groß als wir das Kalenderblatt des Monats März aufschlugen. Dort abgebildet: die Villa Kube mit einem „Verkaufsschild“ davor. Dieses Bild hing nun den vergangenen Monat neben meinem Schreibtisch. Das Grundstück ist inzwischen verkauft. Die Villa wurde bedauerlicherweise abgerissen und muss nun einem Neubau weichen. Schade, aber der gewöhnliche Lauf der Dinge. Auch das neue Haus wird irgendwann 100 Jahre alt sein und viele Leben begleitet haben.

Wie kam es zum Verfall der Villa Kube

Im Gedenken an dieses besondere Haus, hier noch einmal die bewegte Geschichte der Villa Kube und wie ihr Schicksal besiegelt wurde.

 

Die Namenspatin Minna Kube

Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in der heutigen Jungbornstraße in Glienicke/Nordbahn das „Erholungsheim Märkischer Jungborn“ gegründet. Schirmherrin war, neben zwei Herren, Minna Kube – durchaus ungewöhnlich für eine Frau um 1900. Als Naturheilkundlerin war Sie u.a. berühmt für ihre Vorträge über die Möglichkeit der Empfängnisverhütung, die sie als sog. Wanderpredigerin insbesondere vor der „einfachen, arbeitenden“ Gesellschaft hielt. Mit Werken wie „Weniger Menschen, aber glücklichere. Die künstliche Beschränkung eines allzureichen Kindersegens bei armen, kranken und geschwächten Frauen“ sorgte sie in der damaligen Zeit für Aufsehen. Nicht verwunderlich, dass sie damit aneckte. Und das nicht nur in der Männerwelt. So ist beispielsweise ein Bericht einer Hamburger Hebamme überliefert, die das Fräulein Kube intensiv bespitzelt hat und sich schadenfroh über ein Bußgeld von 30 Mark äußerte. Daher findet man Minna Kube teils auch unter ihrem Pseudonym Melitta van Keuren.
Geben Sie bei dem bekanntesten internationalen Versandhandel doch einfach mal Minna Kube ein. Die Werke findet man noch heute und ich finde: Wir können uns wirklich glücklich schätzen in der heutigen Zeit zu leben!
Frau Kube fand übrigens auch ihre letzte Ruhe in Glienicke/Nordbahn (gestorben 27.12.1943). Das Familiengrab ist noch heute zu finden.
Im Zuge des Erholungsheimes errichtet Minna Kube, zusammen mit Dr. Clara Schulze (man sagt ihnen eine gleichgeschlechtliche Beziehung nach) in der heutigen Jungbornstraße 3 eine Frauenheilanstalt mit Massageinstitut– die Villa Kube. Die Überreste der Becken waren bis zum Schluss im Keller zu finden.

 

Die Zeiten als Nazihochburg

Schließlich verkaufte Minna Kube das Haus an eine Familie Schmidt. Deren Tochter Irmgard, nach Ihrer Rückkehr aus Ungarn das Haus bezog. Ehemals eine Stätte der frühen Emanzipation, fungierte das repräsentative Anwesen nun als hochrangiger Nazitreffpunkt. Frau Schmidt war wohl mit einem bekannten Propagandachef verheiratet. Davon wusste offensichtlich auch die rote Armee, die Frau Schmidt bei ihrem Eintreffen im April 1945 kurzerhand unter Hausarrest setzte. Anfang Juni 1945 floh sie über die hintere Grundstücksgrenze in den inzwischen französischen Sektor und wurde „entnazifiziert“. Wie das vonstatten geht ist mir noch immer ein Rätsel, aber das ist ein anderes Thema.
Damit erhielt die Villa Kube abermals einen besonderen Stellenwert in der deutschen Geschichte: direkt entlang des Gartenzaunes verlief die innerdeutsche Grenze!

 

Ein wildes Hin und Her nach dem 2. Weltkrieg

Familie Schmidt wurde enteignet und die Villa wurde Eigentum der Kommune. In diesem Zuge fand sie zunächst wieder eine gemeinnützige Verwendung und fungierte als Jugendheim. Wenig später wurde man sich offensichtlich der exponierten Lage und dem repräsentativen Erscheinungsbild bewusst und machte kurzerhand einen Sitz der sowjetischen Kommandatur aus der Villa. Nach einer kurzen Phase als Schulhort wandelte die Gemeinde das Haus zu DDR-Zeiten in ein Mietshaus um. So wurde es bis 1988 von je einer Familie pro Etage bewohnt bis es wegen des schlechten und gefährlichen Bauzustandes geräumt wurde.

 

Ende der DDR – Wem gehört die Villa Kube?

Damit begann der weitere Verfall. Nach dem Fall der Mauer meldeten sich die Erben der Familie Schmidt und versuchten diesen Prozess zu stoppen. Was genau aus diesem Erbe wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. Offensichtlich verlief es jedoch nicht nach Plan und die Villa Kube verfiel abermals in einen Dornröschenschlaf.

Dieser wurde jäh unterbrochen, als ein uns gut bekannter Bauträger die Villa erblickte und sofort bis über beide Ohren verliebt war. Investitionsobjekt?
Nein, hier sollte sein neuer Lebensmittelpunkt entstehen! Er hatte bereits lange Jahre mit seiner Familie in Glienicke gelebt und war vor kurzem nach Frohnau gezogen. Die Sehnsucht nach Glienicke kam schnell auf. Als Liebhaber geschichtsträchtiger Gebäude wurde auch das Domizil in Frohnau nach Denkmalschutzauflagen und unter Verwendung/Aufarbeitung der alten Materialien saniert. Das versprach etwas Großartiges zu werden. Die Villa Kube konnte tatsächlich erworben werden, die Entkernung wurde begonnen, die Sanierungspläne bei der Gemeinde eingereicht und begeistert abgesegnet.
Der Mist mit unserem bis ins Detail durchgeplanten Leben ist ja: Es kommt immer anders als man plant! Und so nahmen die begonnenen Arbeiten leider ein abruptes Ende und ein neuer Käufer wurde gesucht.

 

Villa zu verkaufen

Hier kamen wir ins Spiel und setzten uns erstmals mit dem Haus, das wir nur vom Vorbeifahren kannten, und seiner Historie auseinander. Alte Akten und Pläne wurden durchstöbert. Statiker und Architekten prüften das Gemäuer auf Herz und Nieren. Das Sanierungskonzept wurde durchgegangen. Immer tiefer stiegen wir in das Projekt ein, in der Hoffnung den geeigneten Käufer zu finden. Doch die Voraussetzungen waren denkbar schwierig: Die Mauern hielten, das war aber auch das einzige. Eine umfassende Kernsanierung war unumgänglich. Bei ca. 350 m² Fläche kein ganz billiges Vorhaben. Interessenten gab es viele – allesamt begeistert von dem Haus. Es scheiterte am Sanierungsaufwand.

Jedem Abschied wohnt ein neuer Anfang inne

Oder so ähnlich … Und wem nützt schon eine verwitternde alte Bauruine?
Plan B trat in Kraft: Dann eben Verkauf als Grundstück und Abriss der Villa Kube. Die Lage ist 1A, die Preise in Glienicke steigen und steigen und das Grundstück ist groß genug für zwei Häuser.

Aber darf man hinten überhaupt bauen?

Eine mögliche Teilung des über 1.700 m² Grundstückes wurde besprochen. Verhandlungen mit Bauamt, Vermesser, Verkäufer und Hausbauern folgten. Entwürfe zur Neuaufteilung des Grundstückes wurden gefertigt, Abrissangebote eingeholt …
Es kam wie befürchtet: Der hintere Teil war heißbegehrt, die Villa abreissen und neu bauen wollte niemand. Zum einen aus moralischen, zum anderen aus finanziellen Gründen. Ist ja kein kleines Sommerhäuschen.

Manchmal ist es einfach Schicksal.
Nachdem wir einem jungen Paar kurzfristig mitgeteilt hatten, dass das Grundstück nun voraussichtlich verkauft ist, teilte uns dieser potenzielle Käufer mit, dass er die Finanzierung zur Sanierung der Villa nicht realisiert bekommt und schweren Herzens vom Kauf zurück tritt. Gefühlt nur Sekunden nachdem wir dies dem Pärchen mitteilten wurde ein Termin vereinbart.

 

Es war Liebe auf den ersten Blick – allerdings nur für das Grundstück!

Schnell war klar: Eine Sanierung ist nicht stemmbar, auch wenn es bedauerlich ist. So wurden die Grundlagen für die Neubebauung geklärt. Das Schicksal der Villa Kube war damit besiegelt. Die Geschichte dieses außergewöhnlichen Standortes aber geht weiter. Wir sind uns sicher, dass hier auch in Zukunft viel passieren und jetzt erstmal eine junge Familie ihr neues Zuhause finden wird.

 

Ein Highlight unseres Verkaufsprozesses:

Mit Veröffentlichung, dass die Villa Kube verkauft und voraussichtlich abgerissen wird, meldete sich eine junge Dame bei uns. Sie verlebte ihre früheste Kindheit in der ersten Etage der Villa bis sie schließlich geschlossen wurde, und wollte gerne noch einmal rein. Diesen Wunsch erfüllten wir natürlich gerne, und wissen nun auch wo der Puppenwagen stand, und dass der verfallene Schuppen früher sagenumwoben war, da die Kinder ihn nie betreten durften. Komisch, bis zum Schluss gab es dafür keinen Schlüssel …
Emotional und unglaublich interessant war die letzte Besichtigung dieses ehrwürdigen Hauses gemeinsam mit seiner letzten Bewohnerin. Ein würdiger Abschied bevor nun endgültig Platz für etwas Neues gemacht wird!

Und wer weiß – vielleicht wird in 100 Jahren der nächste Bericht über die Jungbornstraße 3 in Glienicke geschrieben und unser Blog aus irgendeinem Archiv vorgekramt …

Bildquellen:
Burchardt Immobilien; Glienicker Kurier

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